Corona-Krise: Digitalisierung ist nichts für . . . .

[ Gastbeitrag von Chefredakteur Christian Erhardt-Maciejewski, Kommunal ] Bürgerversammlungen, Stadtgespräche und Ratssitzungen online – auf einmal geht’s! In zahlreichen Gemeinden gibt es tolle Beispiele, wie die Zukunft aussehen kann. Die Heulsusen, Dauerbremser und selbsternannten Datenschützer mögen bitte leise in ihr analoges Tränenmeer weinen, meint Christian Erhardt.

„Ich habe meine erste digitale Gemeinderatssitzung überlebt. Zunächst lief alles gut, aber ihr werdet nicht glauben, was dann geschah“. Mit diesen Worten begann Florian Kling, frisch gewählter Bürgermeister von Calw Ende April einen längeren Erfahrungsbericht auf Twitter. Die Kurzvariante: Beim nächsten Mal wünscht sich Kling einen Techniker an seiner Seite und will einen Test mit allen Gemeinderäten vor der eigentlichen Sitzung durchführen. Ach ja, und er flucht über das eingesetzte Videokonferenzsystem Webex und will stattdessen lieber Zoom nutzen. Und schon war er wieder da, der unvermeidliche Shitstorm im Netz. Alles unsicher und die Plattform dieses StartUp Unternehmens ginge ja gar nicht. Und dann wird wieder auf die Lösungen der Datenriesen wie Microsoft verwiesen. Übrigens von den gleichen Datenschützern, die im selben Atemzug das tränenreiche Klagelied über die „bösen Großkonzerne im Netz“ anstimmen, die das Internet dominieren und alle anderen „kaputt machen“. Fazit: „Lass es lieber bleiben, unsere schönen Strukturen, unsere bewährten Lösungen, die gute alte Zeit, wir wollen das alles behalten.“ Wenn´s hart auf hart kommt wird noch schnell ein Hirnforscher zitiert, der uns erklärt, dass das lange Anstarren eines Bildschirms sowieso nicht gesund sei. Willkommen im Land der Dichter und Heulsusen.

Corona-Krise: Kommunen verlagern Bürgerversammlungen ins Netz 

Macher wie Florian Kling schmeißt ein solch analoges Tränenmeer glücklicherweise nicht aus der Bahn. „Ich werde weiter auf solche Chancen setzen“ sagt er gegenüber KOMMUNAL und ist damit nicht alleine. Auch Marian Schreier, Bürgermeister in Tengen bei Konstanz setzt auf die digitale Zukunft. Nachdem Ende März wegen Corona der städtische Bürgerempfang ausfallen musste, verlegte er seine Bürgerversammlung kurzerhand ins Netz. Mehr als 120 Bürger wählen sich bei der Premiere ein, neben der Videosession gibt es auch einen Livestream bei Facebook und eine Übertragung auf Instagram. Untermauert mit einer Präsentation geht er auf die aktuellen kommunalpolitischen Themen ein und beantwortet die Fragen der Bürger.Als wir bei KOMMUNAL über die Aktion online berichteten, dauerte es nicht lang, bis der erste Leser bemängelt, dass solche Formate auf dem Land wegen fehlender Bandbreiten ja nicht möglich seien. Stimmt schon, was aber erstaunlich ist: Haben Sie schon mal ein Wahlprogramm einer Partei gesehen, in der nicht an jeder erdenklichen und noch so absurden Stelle lauthals nach „Glasfaser“ geschrien wird? Und dann kommen wieder die Denker und Thinktanks dieser Republik und schwärmen von Estland, einer digitalen Verwaltung und einer Digitalisierung der Schulen. Natürlich nicht, ohne den Föderalismus für alle Probleme verantwortlich zu machen, weshalb man dann nach der nächsten Wahl mal „grundsätzlich ran müsse“.
Nach der Wahl wird die Diskussion dann abgelöst von konsumkritischen Gedanken a la: „Wollen wir unseren Kindern wirklich Verkaufsplattformen von Megakonzernen wie Apple in die Hand drücken?“. Und überhaupt, die Bücherwand ist schon auch ein Wert an sich, soll der Nachwuchs das alles erst mal lesen. Und dann muss auch noch jemand alle Straßen und Vorgärten aufreißen für die ganzen Netze. Unbezahlbar, gerade jetzt in Coronazeiten.

5 G als Alternative? Auweia! Geht gar nicht! Die angebliche Gefahr durch Strahlung von Handymasten ist zwar wissenschaftlich widerlegt, aber die Bürgerproteste dagegen, wo uns der Bürgerwille doch so wichtig ist. Nee, ist klar vielleicht doch noch mal eine Studienreise nach Estland? 

Die Zukunft gehört den digitalen “Kampfsusen”, nicht den analogen “Heulsusen” 

Für die Kommunalen sind solche Theorie-Reisen überflüssig, hier sind die Mutigen längst mit der Umsetzung in der Praxis beschäftigt. Wenn man sie denn machen lässt. Das zeigt sich etwa in Hohen Neuendorf in Brandenburg. Auch dort hat Bürgermeister Steffen Apelt seine regelmäßigen Stadtgespräche einfach ins Netz verlegt. Mit großem Erfolg, übrigens wieder per Zoom-Meeting. Einfach, weil die Bürger hierfür keine umständlichen Programme herunterladen müssen oder gar Lizenzen benötigen. Barrierefrei heißt der Schlüssel zum Erfolg. Umständliche technische Lösungen sperren viele Bürger aus, es kommt auf die Praxistauglichkeit an. Und datenschutzrelevante Inhalte werden in öffentlichen Stadtgesprächen ohnehin nicht veröffentlicht. 

Den Turbo in Sachen Videoplattform hat derweil die Stadt Bühl eingelegt. Sie hat eine eigene Plattform für Vereine und Verbände, aber auch für alle Bürger geschaffen. Jeder, der ein Handy oder einen Computer hat, kann über seinen Browser auf die Seite der Stadtverwaltung gehen. Von dort kann er eine sichere Videokonferenz starten, ohne irgendwelche zusätzlichen umständlichen Programme installieren zu müssen. So kann jeder mit nur einem Klick ein eigenes Gespräch starten und eigene Räume einrichten. Die Stadt garantiert somit meine digitale Sicherheit. Nicht zuletzt ein riesiger Imagegewinn. 

SO wird Zukunft gemacht! Wir brauchen mehr mutige „Kampfsusen“ statt wehleidiger Heulsusen!

Wir danken dem Chefredakteur Christian Erhardt-Maciejewski von  KOMMUNAL , seinen excellenten Leitarkiel als Gastbeitrag, auch mit Ihnen teilen zu können. Beitragsfoto , Staatsministerin Barbara-Klepsch und Georg von Nessler, Vorstandsmitglied SeniorenZentrum-Torgau .  Links aus der IP-Gruppen Redaktion .